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Gründe
zum Scheitern können damit zu tun haben, dass wir unbewusst
in das Schicksal eines anderen Familienmitgliedes verstrickt sind:
eines Ausgeklammerten, Vergessenen, Verachteten, früh Verstorbenen
oder Totgeborenen Menschen. In dem wir dessen Trauer fühlen,
seine Wut oder Rache leben, erfüllen wir ahnungslos die stummen Regeln
eines Bedürfnisses nach Ausgleich und Zugehörigkeit.
Durch
die Methode der Familienaufstellungen können wir die Dynamik eines
Systems sichtbar machen, auf welche Art wir mit unserem System verwoben
sind.
Durch Verändern der Plätze - im Sinne einer von allen empfundenen
guten
Ordnung, Zurückgeben von Übernommenem oder nicht Gemässem,
und vor allem durch das Achten des Anderen entsteht ein neues Bild.
Etwas ist "in Ordnung" gekommen, die Liebe kann wieder fliessen.
Die
Last fremder Verantwortung kann von uns fallen, der Schmerz übernommenen
Leides zurückgegeben werden. Es geht dabei viel um Liebe und Leid,
um's Geben
und Nehmen, um den gerechten Ausgleich, manchmal um's Lösen und Lassen,
und
immer um das Achten des Anderen. Oft spielt die Ursprungsfamilie in die
Gegenwartsfamilie hinein, was dann berücksichtigt werden muss,
zum Beispiel, wenn eine junge Frau ihren Partner "vergrault",
um sich zur Mutter loyal zu fühlen, die ihren Mann durch Tod früh
verlor, oder,
wenn ein Mann seiner Frau nicht den ersten Platz in seinem Herzen gibt,
weil der schon von seiner Mutter besetzt ist, und er sich für ihr
Glück
verantwortlich fühlt. Wenn so erkannt wird, was aus kindlicher Liebe
geschieht,
kann sich das Herz öffnen für die Liebe zwischen Mann und Frau.
"Wenn
die Familie auf diese Weise in Ordnung gebracht ist, kann der Einzelne
aus der Familie hinausgehen. Dann spürt er die Kraft der Familie
im Rücken.
Erst wenn die Bindung an die Familie anerkannt ist und die Verantwortung
klar
gesehen und verteilt wird, fühlt sich der Einzelne entlastet und
kann
seinem Eigenen, Besonderen nachgehen,
ohne dass ihn das Frühere belastet und einholt."

Wer
gehört zum Familiensystem?
System
meint eine Schicksalsgemeinschaft von Menschen über mehrere
Generationen hinweg, deren Mitglieder unbewusst in das Schicksal anderer
Mitglieder verstrickt werden können. Man erkennt die Reichweite
dieses Systems an der Reichweite der Schicksale, die zu Verstrickungen
führen.
Zu
dieser Schicksalsgemeinschaft gehören in der Regel folgende Personen:
Das
Kind und seine Geschwister oder Halbgeschwister,
auch die verstorbenen und die totgeborenen.
Das ist die untere Ebene.
Dann, auf der nächsthöheren Ebene, kommen die Eltern
und ihre Geschwister oder Halbgeschwister, einschliesslich der
früh Verstorbenen und der Totgeborenen!
Danach,
nochmals eine Ebene höher, kommen die Grosseltern
und manchmal noch das eine oder andere ihrer
Geschwister oder Halbgeschwister.
Das ist aber selten.
Von
den bisher Genannten sind jene besonders wichtig, die ein schlimmes
Schicksal hatten oder denen von Mitgliedern des Systems
Unrecht getan wurde, zum Beispiel beim Erbe,
oder die ausgeschlossen wurden oder weggegeben,
verachtet oder vergessen gegangen sind oder früh verstarben.
Dann folgen - und das sind oft die wichtigsten Personen - alle,
die für andere in diesem System Platz gemacht haben,
auch wenn sie nicht verwandt sind.
Zum Beispiel ein früherer Mann oder eine frühere Frau von
Eltern und Grosseltern oder frühere Verlobte, auch wenn sie gestorben
sind.
Und es gehören der Vater oder die Mutter von Halbgeschwistern dazu.
Ferner alle, aus deren Nachteil oder Verlust jemand im System
einen Vorteil zog. Ein Beispiel ist, dass jemand etwas geerbt hat,
weil ein anderer früh verstarb oder enterbt wurde.
Und es gehören dazu alle, die für jemanden im System zu seinem
Vorteil
mitgewirkt haben und denen dann Unrecht geschah, zum Beispiel Angestellten.
Es muss sich dabei aber um grossen Nachteil und grosses Unrecht handeln.
Nicht
zum System in diesem Sinn gehören angeheiratete Onkel und Tanten
oder Vettern und Cousinen.
Manche
meinen, Personen seien besonders wichtig für das System, wenn sie
in der Familie mitgelebt haben, zum Beispiel eine Grossmutter oder Tante.
Bei Verstrickungen aber spielt die räumliche Nähe überraschenderweise
keine Rolle. Im Gegenteil, jemand wird oft in das Schicksal
von jemandem verstrickt, von dem er nicht einmal weiss!
Die
Rangfolge in der Familie
Wo
immer es in Familien einen tragischen Verlauf gibt, hat ein Nachgeordneter
gegen die Ursprungsordnung verstossen. Das heisst, er hat sich etwas angemasst,
was Vorgeordneten vorbehalten bleiben muss. Die Anmassung ist oft nur
objektiv,
nicht subjektiv. Wenn zum Beispiel das Kind versucht, für seine Eltern
zu sühnen
oder die Folgen einer Schuld der Eltern an deren Stelle zu tragen, dann
ist das
eine Anmassung. Doch das Kind merkt die Anmassung nicht,
weil es aus Liebe handelt. Es hört im Gewissen keine Stimme,
die es davor warnt. Deswegen sind die tragischen Helden alle blind.
Sie meinen, sie tun etwas Gutes und Grosses.
Dennoch schützt sie diese Überzeugung nicht vor dem Untergang.
Die Berufung auf die gute Absicht oder dass gute Gewissen,
wenn sie - meist nachträglich - ins Spiel gebracht wird, ändert
nichts
am Ergebnis und an den Folgen. Das Kind kann sich gegen die Anmassung
nicht wehren, denn es wird durch seine Liebe in bester Absicht die Anmassung
getrieben. Erst im Erwachsenenalter, wenn es zur Einsicht kommt, kann
es sich
aus den Fesseln der Anmassung befreien und auf den Platz zurücktreten,
der ihm zukommt. Dieses "Sichherausnehmen" aus der angemassten
Position
fällt dem Kind aber schwer, weil es dann plötzlich auf nichts
anderem mehr
stehen kann als auf den eigenen Füssen. Es muss dann ganz unten anfangen
und nur auf das Eigene bauen. Doch auf diesem Platz bleibt es gesammelt
bei sich.
Auf dem angemassten Platz gerät es ausser sich und ist
von sich selber entfremdet. In der Familientherapie
achtet man daher vor allem darauf, ob sich jemand
etwas anmasst, was ihm nicht zusteht.
Das, in erster Linie, bringt man in Ordnung.
Vom
Himmel, der krank macht
und der Erde, die heilt.
Was
hier über den Himmel, der krank macht, gesagt wird, beschreibt,
was in der Schicksalsgemeinschaft von Familie und Sippe
zu schweren Krankheiten führt oder zu Unfällen und Selbstmord;
und was über die Erde gesagt wird, die heilt, das will beschreiben,
was solche Schicksale manchmal noch wendet.
Zu schweren Krankheiten oder Unfällen
und Selbstmord in der Familie und
Sippe führen Vollzüge, die sich verbinden mit Bildern vom Himmel,
von
stellvertretendem Leid und stellvertretender Sühne, vom Wiedersehen
nach dem Tod und von persönlicher Unsterblichkeit.
Diese Bilder verführen zu magischem Denken, Wünschen und Handeln,
so dass der Kranke oder der Sterbende meint, er könne durch freiwillig
übernommenes Leiden andere von ihrem Leiden, auch wenn es sie
schicksalhaft heimsucht, erlösen.
Die
Schicksalsgemeinschaft
Zur
Schicksalsgemeinschaft, in der dieses Denken unheilvoll wirkt, gehören:
die Geschwister,die Eltern und ihre Geschwister, die Grosseltern, manchmal
noch der eine oder andere der Urgrosseltern und alle, die für einen
von diesen
Platz gemacht haben. Zu denen, die Platz gemacht haben, gehören:
frühere Ehepartner von Eltern und Grosseltern oder eheähnliche
Partner,
zum Beispiel frühere Verlobte, und es gehören dazu alle, deren
Weggang oder Unglück anderen den Zugang zu diese Gruppe
eröffnet oder ihnen sonst einen Vorteil verschafft hat.

Die Bindung und ihre Folgen
In
dieser Schicksalsgemeinschaft sind alle an alle gebunden.
Am stärksten wirkt die Schicksalsbindung von den Kindern zu ihren
Eltern,
zwischen den Geschwistern und zwischen Mann und Frau.
Eine besondere Schicksalsbindung entsteht auch von den später Dazugekommenen
zu denen, die für sie Platz gemacht haben, insbesondere wenn diese
ein schweres Schicksal hatten: zum Beispiel zwischen Kindern
aus der zweiten Ehe eines Mannes gegenüber seiner
ersten Frau, die im Kindbett starb.
Sie
wirkt weniger stark von den Eltern zu den Kindern
und am wenigsten von denen, die Platz gemacht haben, zu jenen,
die ihnen auf diesen Platz folgten: zum Beispiel von einer
früheren Verlobten des Mannes zu seiner späteren Frau.
Ähnlichkeit
und Ausgleich
Die
Bindung bewirkt, dass die Späteren und Schwächeren die Früheren
und
Stärkeren festhalten wollen, damit sie nicht gehen, oder wenn sie
schon
gingen, dass sie ihnen nachfolgen wollen. Die Bindung bewirkt, dass jene,
die den Vorteil haben, denen, die im Nachteil sind, ähnlich werden
wollen.
So wollen die gesunden Kinder ihren
kranken Eltern ähnlich werden
und unschuldige Kleine den schuldigen
Grossen ähnlich werden.
Und die Bindung bewirkt, dass sich die Gesunden für die Kranken
verantwortlich fühlen, die Unschuldigen für die Schuldigen,
die glücklichen für die Unglücklichen
und die Lebenden für die Toten.
Daher
sind jene, die den Vorteil haben, auch bereit, ihre Gesundheit
und Unschuld und ihr Leben und Glück für die Gesundheit und
die
Unschuld und das Leben und Glück der anderen aufs Spiel zu setzen
und preiszugeben. Denn sie hegen die Hoffnung, dass sie durch den Verzicht
auf das eigene Leben und auf das eigene Glück das Leben und das Glück
von anderen in dieser Schicksalsgemeinschaft sichern oder retten können.
Und sie hoffen, dass sie das Leben und das Glück von anderen, auch
wenn es
schon verloren ist, wiedergewinnen und wiederherstellen können.
In der Schicksalsgemeinschaft von Familie und Sippe herrscht also aufgrund
der Bindung und der Bindungsliebe ein unwiderstehliches Bedürfnis
nach
Ausgleich zwischen dem Vorteil der einen und dem Nachteil der anderen,
zwischen der Unschuld und dem Glück der einen und der Schuld und
dem
Unglück der anderen, zwischen der Gesundheit der einen und der Krankheit
der anderen und zwischen der einen Leben und der anderen Tod.
Aus
diesem Bedürfnis heraus will der eine, wenn ein anderer unglücklich
wurde, auch unglücklich werden; wenn ein anderer krank oder schuldig,
und wenn ein Nahestehender starb, will es ein
ihm nahestehender Lebender auch.
Es
kommt also innerhalb dieser engen Schicksalsgemeinschaft durch
Bindung und Ausgleich zur Angleichung und zur Teilhabe an der anderen
Schuld
und Krankheit und der anderen Schicksal und Tod; und es kommt zum Versuch,
für der anderen Heil mit eigenem Unheil, für der anderen Heilung
mit
eigener Krankheit, für der anderen Unschuld mit eigener Schuld oder
Sühne und für der anderen Leben mit dem eigenen Tod zu bezahlen.
Der systemische
Gleichgewichtssinn
Uns
bindet an Menschen und Gruppen ein wissender Sinn. Er hält uns,
ständig treibend und steuernd, in Beziehung zu ihnen, gleich wie
ein
anderer wissender Sinn, der uns entgegen der Schwerkraft ständig
treibend und steuernd im Gleichgewicht hält. Zwar können wir
nach
vorne oder hinten fallen, wenn wir wollen, und nach rechts oder links.
Doch ein Reflex erzwingt den Ausgleich vor der Katastrophe,
und so pendeln wir zur rechten Zeit zurück ins Lot.
Auch über unsere Beziehungen wacht ein unserer Willkür überlegener
Sinn.
Er wirkt wie ein Reflex auf Korrektur und Ausgleich hin, wenn wir von
den
Bedingungen für das Gelingen der Beziehung abgewichen sind und unsere
Zugehörigkeit gefährden. Wie unser Sinn für das Gleichgewicht,
so nimmt
auch der Beziehungssinn den Einzelnen zusammen mit dem Umfeld wahr,
erkennt den Freiraum und die Grenze und steuert uns
durch Unlust und durch Lust.
Schuld
und Unschuld werden also in Beziehungen erfahren, und sie haben
mit Beziehungen zu tun. Denn jedes Handeln, das auf andere wirkt, wird
auch von einem wissenden Gefühl der Unschuld und der Schuld begleitet,
und wie das Auge, wenn es sieht, das Helle und das Dunkle dauernd
unterscheidet, so unterscheidet dieses wissende Gefühl in jedem Augenblick,
ob unser Handeln der Beziehung schadet oder dient. Was der Beziehung
schadet, fühlen wir als Schuld, und was ihr dient als Unschuld.
Schuld
und Unschuld dienen dennoch einem Herrn. Denn wie ein Kutscher
seine Pferde, zwingt sie der gleiche Sinn vor einen Wagen, lenkt sie in
eine
Richtung, und so ziehen sie als ein Gespann an einem Strick. Sie bringen
die
Beziehung weiter und halten sie durch ihre Wechselwirkung in der Spur.
Zwar möchten wir die Zügel manchmal selber nehmen, doch der
Kutscher
lässt sie nicht aus seiner Hand. Wir fahren auf dem Wagen als
Gefangene und Gäste. Des Kutschers Name aber heisst Gewissen.
Die
verschiedenen Gewissen
Menschen,
die aus unterschiedlichen Familien oder Gruppen kommen,
haben unterschiedliche Gewissen. Denn das Gewissen gebietet jedem,
was ihn an seine Gruppe bindet und ihr dient, und es verbietet ihm,
was ihn von seiner Gruppe trennt und was ihr schadet.
Doch auch der Einzelne folgt dem Gewissen in jeder Gruppe anders,
denn was der einen Gruppe dient, das kann der anderen schaden,
und was in der einen Gruppe Unschuld bringt,
stürzt ihn in einer anderen in die Schuld:
zum Beispiel in Beruf und Familie.
Doch
auch im einzelnen selbst und innerhalb der gleichen Gruppe dient
das Gewissen Zielen, die sich sowohl ergänzen als auch widersprechen,
zum Beispiel der Liebe und der Gerechtigkeit, der Freiheit und der Ordnung.
Dabei bedient sich das Gewissen für unterschiedliche Ziele
unterschiedlicher Gefühle der Unschuld und der Schuld.
Diese Gefühle dienen immer den Beziehungen zu einer Gruppe.
Wir fühlen daher die Schuld und Unschuld anders, wenn sie der Liebe
und der Bindung und anders, wenn sie dem gerechten Ausgleich dienen;
anders, wenn sie der Erneuerung und Freiheit dienen.
Doch
was der Liebe dient, schadet der Gerechtigkeit,
und was für den Gerechten Unschuld ist,
wird für den Liebenden vielleicht zur Schuld.
Wir erleben das Gewissen manchmal einfach und gebündelt, zum Beispiel
wenn wir einem Kind in Not zu Hilfe eilen. Meistens aber wirkt es mehrfach
und verschieden, und entsprechend mehrfach und verschieden fühlen
wir
die Unschuld und die Schuld.
Wir erleben also das Gewissen manchmal, als sei es nur ein Einzelnes.
Meist aber gleicht es eher einer Gruppe, in der unterschiedliche Vertreter
ihre unterschiedlichen Ziel mit Hilfe unterschiedlicher Gefühle der
Schuld und Unschuld unterschiedlich durchzusetzen suchen.
Sie unterstützen sich gelegentlich dabei und halten sich zum
Wohl des Ganzen gegenseitig auch in Schach.
Dennoch dienen sie, auch wenn sie sich entgegenstehen,
einer höheren Ordnung, die gleich einem Feldherrn an
verschiedenen Fronten mit verschiedenen Truppen auf
verschiedenem Gelände mit unterschiedlichen Mitteln und mit
unterschiedlicher Taktik unterschiedliche Erfolge sucht und es am Ende,
um des grösseren Ganzen willen, an allen Fronten
doch nur zu Teilerfolgen kommen lässt.
Die
Grenzen des Ausgleichs
Was
innerhalb von Gruppen gültig ist, wird oft auf Gott
und das Schicksal übertragen. Wenn zum Beispiel jemand aus Gefahr
errettet wird, wo andere umgekommen sind, will er Gott und dem Schicksal
dafür bezahlen, so als seien sie für ihn ein Gegenüber
und er könne sie durch
solchen Ausgleich gnädig stimmen. Dann schränkt er sich vielleicht
ein,
legt sich ein Symptom zu, opfert etwas, das ihm wertvoll war,
oder jemand anders opfert sich für ihn,
zum Beispiel ein Kind.
Oder ein Partner nimmt den anderen nicht, wenn der vorher schon gebunden
war,
auch wenn sein früherer Partner starb, weil er ihn wie auf Kosten
des früheren hat.
Oder Kinder aus der zweiten Ehe ihrer Eltern nehmen ihre Eltern nicht
oder schränken sich ein und bestrafen sich, weil andere für
sie Platz
gemacht haben. Noch schlimmer ist es, wenn sie, weil das Schicksal
ihnen gnädig war, sich für Auserwählte halten und sich
ihres Glückes brüsten.
Denn dann wendet sich ihr Glück, wie immer wir und das erklären
wollen,
weil nicht nur sie, sondern auch andere das nicht ertragen.
Ausgleich
durch Danken und Demut
Vom
Schicksal nehmen, wie es gemäss ist, können wir nur,
wenn wir das Gute, das uns unverdienterweise zufällt,
nehmen als Geschenk. Das aber ist Danken.
Danken ist Nehmen ohne Überheblichkeit:
es gleicht aus, ohne dass ich bezahle.
Solches Danken ist etwas völlig anderes
als "danke" sagen.
Wenn ich jemandem etwas gebe und er sagt nur danke,
ist es zu wenig. Wenn er aber strahlt und sagt:
"Das ist ein schönes Geschenk", dann hat er gedankt.
Dann würdigt er mich und die Gabe. "Danke" sagen ist
dagegen oft nur der Ersatz für dieses Danken.
Manche
machen das so auch mit Gott und dem Schicksal. Sie sagen danke,
statt dass sie nehmen mit Liebe. Wer ein solch unverdientes Geschenk
vom Schicksal nimmt, kommt dennoch unter Druck. Er muss etwas tun.
Aber statt dessen er sich einschränkt, gibt er von dem,
was er bekommen hat, weiter.
Das entlastet ihn und bringt für andere Gutes.
Doch so wie ich das Gute nehmen muss, wenn es mir zufällt
ohne mein Zutun, muss ich auch zustimmen, wenn mir etwas Schlimmes
zustösst ohne mein Verschulden. Ich muss mich also dem Schicksal
fügen,
sowohl im Guten wie im Schlimmen.
Dann bin ich sowohl im Einklang wie frei.
Dieses sich fügen ist Demut.
Unschuld
und Rache
Der
Unschuldige ist immer der Gefährlichste.
Der Unschuldige hat die grössere Wut, und er handelt
am destruktivsten in einer Beziehung. Weil er sich im Recht fühlt.
Er verliert das Mass. Der Schuldige ist viel eher bereit,
nachzugeben und wiedergutzumachen.
Die Versöhnung scheitert in der Regel nicht am Schuldigen,
sondern am Unschuldigen.
Über Entrüstung,
und was die Täter und Opfer und Rächer
gleichermassen vom Fluch des Gesetzes erlöst
Auch
Helfer, die, anstatt zu verfolgen, zukunftssichernd sowohl den Opfern
wie den Tätern Wege weisen, um das Leid und die Schuld zum Guten
zu wenden, werden manchmal Ziel von Entrüstung. Denn Entrüstete
fühlen sich im Dienste eines zwingenden Gesetzes,
sei es nun das Gesetz des Mose, das Gesetz Christi, das Gesetz des Himmels,
das "natürliche" Gesetz, das Sittengesetz, das moralische
Gesetz,
das Gesetz einer Gruppe oder auch nur,
was ein blinder Zeitgeist uns vorgibt.
Wie immer das Gesetz auch heissen mag, es gibt den Entrüsteten Macht
über die Täter und über die Opfer und rechtfertigt das
Schlimme,
das sie anderen antun.
Die Frage ist, wie können Helfer und die Umgebung
solcher Entrüstung
begegnen, ohne den Opfern oder den Tätern oder sich selber
und der gerechten Ordnung zu schaden.
Dazu die bekannte Geschichte einer Ehebrecherin
"In
Jerusalem ging einst ein Mann vom Ölberg in den Tempel.
Als er eintrat, schleppten gelehrte Gerechte eine junge Frau herbei,
umringten ihn, stellten die Frau vor ihn in die Mitte dazu und sagten:
"diese Frau wurde auf frischer Tat beim Ehebruch ertappt.
Im Gesetz hat uns nun Mose geboten, dass sie gesteinigt werden muss.
Was sagst du dazu?"
Es ging ihnen aber weder um diese Frau noch um die Tat.
Es ging ihnen darum, einem Helfer, der als milde bekannt war,
eine Falle zu stellen. Sie waren über seine Milde entrüstet.
Doch sie hielten sich berechtigt, im Namen dieses Gesetzes
sowohl die Frau zu vernichten als auch diesen Mann - sollte er
ihre Entrüstung nicht teilen, obwohl er mit der Tat ja
gar nichts zu tun hatte."
Wir sehen hier zwei Gruppen von Tätern vor
uns. Zur einen Gruppe
gehört die Frau; sie war eine Ehebrecherin, und die Entrüsteten
nannten sie eine Sünderin. Zur anderen Gruppe gehören die Entrüsteten:
Sie waren der Gesinnung nach Mörder, nannten sich aber Gerechte.
Über beiden Gruppen lastete das gleiche harte Gesetz:
Nur mit dem Unterschied, dass es das eine schlimme Tun
Unrecht nennt, und das andere, noch schlimmere, Recht.
Doch der Mann, dem sie die Falle stellen wollten, entzog sich ihnen allen:
der Ehebrecherin, den Mördern, dem Gesetz, dem Richteramt
und der Versuchung zur Grösse.
Er beugte sich vor ihnen allen zur Erde.
Er bückte sich und schrieb mit den Fingern in den Sand.
Doch, da die Entrüsteten seinen Fingerzeig nicht verstanden
und ihn weiter lauernd bedrängten, richtete er sich auf und sagte:
"Wer
ohne Sünde ist, der werfe als erster den Stein."
Dann beugte er sich wieder zur Erde und schrieb
erneut in den Sand.
Auf einmal war alles verändert; denn das Herz weiss mehr,
als ihm das Gesetz erlaubt oder gebietet.
Die Entrüsteten räumten den Schauplatz und gingen davon,
einer nach dem andern, die Ältesten voran. Der Mann aber achtete
ihre Beschämung und verharrte gebückt und schrieb in den Sand.
Erst als sie gegangen waren, richtete er sich wieder auf und fragte die
Frau:
" Wo sind sie? Hat keiner dich verurteilt?" - "Nein, Herr",
gab sie zur Antwort.
Dann, als wäre er eines Sinnes mit den zuvor Entrüsteten,
sagte er zu der Frau: "Auch ich verurteile dich nicht."
Hier endet die Geschichte. Im überlieferten Text ist noch hinzugefügt:
"Sündige nicht mehr!" Dieser Satz ist, wie die Bibelwissenschaft
beweisen
konnte, ein späterer Zusatz, wahrscheinlich von jemandem,
der die Kraft dieser Geschichte nicht mehr ertrug.
Eines
bleibt noch anzumerken. Über das eigentliche Opfer
gingen die Entrüsteten und geht die Geschichte hinweg:
Den Mann der
Frau.
Hätten die Entrüsteten die Frau gesteinigt, wäre ihr Mann
doppelt zum
Opfer geworden. Doch jetzt, da kein Entrüsteter mehr zwischen sie
tritt,
haben beide die Möglichkeit, liebend den Ausgleich und die Versöhnung
zu finden und neu zu beginnen. Dürften Entrüstete zwischen sie
treten,
wäre ihnen diese Lösung verwehrt, und nicht nur dem Täter,
auch dem Opfer ginge es schlimmer.
So geht es manchmal auch missbrauchten Kindern, wenn sie
statt in die Hände von Liebenden in die Hände von Entrüsteten
fallen.
Um sie kümmern sich die Entrüsteten wenig. Denn die Massnahmen,
die sie aus dem Gefühl der Entrüstung vorschlagen und durchsetzen,
machen es für die Opfer nur schwerer.
Das Kind,
auch wenn es zum Opfer wurde,
bleibt dem Täter verbunden und treu.
Wenn daher sein Vater verfolgt und moralisch und physisch
vernichtet wird, stirbt auch das Kind moralisch und physisch,
oder es sühnt später eines seiner Kinder dafür.
Das
ist der Fluch der Entrüstung und der Fluch des Gesetzes, auf das
sich
die Entrüstung beruft. Die christliche Botschaft und das christliche
Vorbild:
"Eine grössere Liebe hat niemand, als wer sein Leben hingibt
für seine Freunde",
und der Aufforderung an seine Jünger, ihm auf dem Weg des Kreuzes
nachzufolgen bis in den Tod. Die christliche
Lehre von der Erlösung
durch Leiden und Tod und das Vorbild christlicher Heiliger und Helden
bestätigen den Glauben und die Hoffnung des Kindes, es könne
stellvertretend für andere deren Krankheit und Unglück und Tod
übernehmen.
Oder es könne, indem es Gott und dem Schicksal Gleiches für
Gleiches bezahlt,
durch die eigene Krankheit und das eigene Leiden andere von ihrer Krankheit
und ihrem Leiden erlösen und sie durch den eigenen Tod ihrem Tode
entreissen.
Oder es könne, wenn ihm auf Erden keine Rettung gelingt, den ihm
durch
den Tod schon entrissenen Lieben auch nach dem Tode nochmals begegnen,
indem es, wie sie, das Leben verliert und, wie es glaubt,
durch den Tod wiederfindet.
Die
Krankheit folgt der Seele
Da also dieses Bedürfnis nach Gleichwerden
und Ausgleich
Krankheit und Tod gleichsam herbeiwünscht, folgt die Krankheit der
Seele.
Es braucht deshalb zur Heilung neben der ärztlichen Hilfe im engeren
Sinn
auch seelenkundige Hilfe, sei es, dass der Arzt selber beides verbindet,
sei es dass ein anderer seelsorgend das ärztliche Tun unterstützt.
Doch während der Arzt sich bemüht, die Krankheit behandelnd
zu heilen,
hält sich ein seelsorgender Helfer eher zurück,
denn staunend steht er vor Kräften, mit denen sich messen zu wollen
ihm anmassend erscheint. Und so bemüht er sich, im Einklang mit ihnen
das schlimme Schicksal zu wenden und mehr
ihr Verbündeter denn ihr Gegner zu sein.
Krankheit als Sühne
Eine
weitere Dynamik, die zu Krankheiten führt und zu Selbstmord,
Unfall und Tod, ist der Wunsch nach Sühne für Schuld.
Manchmal wird als Schuld angesehen,
was schicksalhaft und unbeeinflussbar
war, zum Beispiel eine Fehlgeburt oder die Krankheit, die Behinderung
oder
der frühe Tod eines Kindes. Dann hilft es, die Toten anzuschauen
mit Liebe,
sich der Trauer zu stellen und, was vorbei ist, in Frieden zu lassen.
Ist jemand schicksalhaft etwas zugestossen, das anderen einen Schaden
zugefügt und ihm einen Vorteil, die Rettung oder das Leben gebracht
hat,
wird das ebenfalls als Schuld erlebt, zum Beispiel wenn einem Kind
bei seiner Geburt die Mutter stirbt.
Es gibt aber auch die wirkliche, persönlich zu verantwortende Schuld,
zum Beispiel wenn jemand ein Kind ohne Not weggegeben oder abgetrieben
hat oder wenn er einem anderen rücksichtslos etwas Schlimmes abverlangt
oder zugefügt hat. Oft soll dann die schicksalhafte und die persönliche
Schuld
durch Sühne getilgt werden, indem man für den zugefügten
Schaden
durch eigenen Schaden bezahlt, die Schuld mit der Sühne "verrechnet"
und sie so, wie man meint, wieder ausgleicht.
Auch diese Vollzüge, so unheilvoll sie für alle Betroffenen
sind, werden
durch religiöse Lehren und Vorbilder gefördert, etwa durch den
Glauben an
erlösendes Leiden und Sterben und den Glauben an die Reinigung von
Sünde, Schuld und Schande durch Selbstbestrafung
und äusseres Leid.
Der Ausgleich durch Sühne bringt doppeltes
Leid.
Die
Sühne stillt unser Bedürfnis nach Ausgleich.
Doch wenn der Ausgleich durch die Krankheit und Unfall oder durch Sterben
gesucht wird, was wird dann wirklich erreicht? - Es gibt statt des einen
Geschädigten zwei und statt des einen Toten noch einen Zweiten.
Schlimmer noch: für die Opfer der Schuld ist die Sühne ein doppelter
Schaden
und ein doppeltes Unglück, weil durch ihr Unglück anderes Unglück
genährt wird,
aus ihrem Schaden noch weiterer Schaden erwächst und ihr Tod auch
noch
anderen Tod bringt. Und noch etwas ist zu bedenken. Die Sühne ist
billig.
Wie beim magischen Denken und Handeln das Heil für den anderen allein
aus
dem eigenen Unheil kommt, so dass eigenes Leiden für des anderen
Rettung
genügt, so ist es auch bei der Sühne. Leiden für des anderen
Sterben allein soll
genügen, ohne dass die Beziehung ins Auge gefasst wird und ohne dass
der
andere gesehen und, mit ihm im Blick, der Schmerz über sein Unglück
gefühlt wird und ohne dass dann mit seiner Zustimmung und seinem
Segen
etwas für andere getan werden muss.
Auch bei der Sühne wird also mit Gleichem für Gleiches bezahlt.
Auch hier wird das Handeln durch Leiden ersetzt, das Leiden und Sterben
allein ohne Handeln und Leistung genügt. Und wie durch die Sätze:
"Lieber ich als du" und "Ich folge dir nach",
wenn sie vollzogen sind, Unheil und Leiden und Tod
nur noch grösser werden und mehr,
so auch durch die vollzogene Sühne.
Ein
Kind, dessen Mutter bei der Geburt starb, fühlt sich ihr gegenüber
immer in der Schuld, weil sie mit ihrem Tod für sein Leben bezahlt
hat.
Wenn nun das Kind dafür sühnt, indem es sich schlechtgehen lässt,
das heisst, wenn es sich weigert, sein Leben auch um den Preis
des Todes der Mutter zu nehmen, oder sich zur Sühne
sogar das Leben nimmt, dann ist das Unglück
für die Mutter doppelt schlimm.
Dann wird das Leben, das sie ihm schenkte, vom Kind nicht genommen,
und ihre Liebe und ihre Bereitschaft, ihm alles zu geben, werden vom Kind
nicht geachtet. Ihr Tod war dann umsonst, ja mehr noch, er hätte
statt
Leben und Glück zusätzliches Unglück gebracht, und statt
der einen
Toten gäbe es zwei. Wenn wir solch einem Kind helfen wollen,
müssen wir im Auge behalten, dass es sowohl einen Wunsch
nach Sühne hat als auch den Wunsch:
"Lieber ich als du" und "Ich folge
dir nach".
Wir können daher mit dem unheilvollen Wunsch nach Sühne
nur dann heilend umgehen, wenn uns auch mit den Sätzen
"Lieber ich als du" und "Ich folge dir nach"
die heilende Lösung gelingt.

Der Ausgleich durch
Nehmen und versöhnendes Tun.
Was
wäre nun für dieses Kind eine Lösung,
die ihm und seiner Mutter gemäss ist?
Das Kind müsste sagen: "Liebe Mama,
wenn du schon einen solch hohen Preis für mein Leben bezahlt hast,
dann soll es nicht umsonst gewesen sein;
ich mach' was daraus, dir zum Andenken und dir zur Ehre."
Dann aber muss das Kind handeln anstatt zu leiden,
leisten statt zu versagen und leben anstatt zu sterben.
Dann wäre es ganz anders mit der Mutter verbunden,
als wenn es ihr nachfolgt in Unheil und Tod.
Im
Unterschied zum Ausgleich durch Sühne, der nur ein Ausgleich durch
Schlimmeres ist, durch Schaden und Tod, wäre dies ein Ausgleich im
Guten.
Doch im Unterschied zum Ausgleich durch Sühne, der billig ist und
schadet
und nimmt, ohne dass er dadurch versöhnt, ist der Ausgleich im Guten
teuer.
Doch er bringt Segen und bewirkt daher eher, dass sich die Mutter mit
ihrem,
und das Kind mit seinem Schicksal versöhnt. Denn das Gute, das dieses
Kind
zum Andenken an seine Mutter vollbringt, geschieht ja durch sie.
Durch ihr Kind hat sie Anteil daran. Sie lebt und wirkt darin weiter.
Das aber wäre im Unterschied zum magischen Ausgleich ein Ausgleich,
wie er der Erde gemäss ist. Er folgt der Einsicht, dass unser Leben
einmalig
ist und dass es, indem es vergeht, dem kommenden Platz macht und,
obwohl schon vergangen, das gegenwärtige nährt.
Was
also wäre für liebende Helfer zu tun?
Sie entsagen der Dramatisierung und suchen einfache Wege,
auf denen sowohl die Opfer als auch die Täter neu beginnen können,
doch wissender und milder als vorher. Statt auf ein sogenanntes höheres
Gesetz
schauen sie nur auf die Menschen, seien sie Opfer, seien sie Täter,
und reihen sich unter sie ein.
Sie wissen: nur das Gesetz erscheint ehern und ewig;
aber auf der Erde ist alles vergänglich, und es hat Liebe für
alle:
für die Opfer, für die Täter, für die geheimen Anstifter
dahinter
und für die Rächer, die sie selber wohl auch schon mal waren."
Glauben und Liebe
"Einem
Mann träumte in der Nacht, er habe die Stimme Gottes gehört,
die ihm sagte: "Steh auf, nimm deinen Sohn, deinen einzigen geliebten,
führe ihn auf den Berg, den ich dir zeigen werden, und
bringe ihn mir dort zum Schlachtopfer dar!"
Am
Morgen stand der Mann auf, schaute seinen Sohn an,
seinen einzigen geliebten, schaute seine Frau an, die Mutter des Kindes,
schaute seinen Gott an.
Er nahm das Kind, führte es auf den Berg, baute einen Altar,
band ihm die Hände, zog das Messer und wollte es schlachten.
Doch dann hörte er noch eine andere Stimme,
und er schlachtete, statt seines Sohnes, ein Schaf."
Wie
schaut der Sohn den Vater an? - Wie der Vater den Sohn?
- Wie die Frau den Mann? Wie der Mann die Frau?
- Wie schauen sie Gott an? - Und wie schaut Gott - wenn es ihn gibt
- sie an?
"Noch
einem anderen Mann träumte in der Nacht, er habe
die Stimme Gottes gehört, die ihm sagte: "Steh auf, nimm deinen
Sohn,
deinen einzigen geliebten, führe ihn auf den Berg, den ich dir zeigen
werde,
und bringe ihn mir dort zum Schlachtopfer dar!"
Am
Morgen stand der Mann auf, schaute seinen Sohn an,
seinen einzigen geliebten, schaute seine Frau an, die Mutter des Kindes,
schaute seinen Gott an. Er gab zur Antwort, ihm ins Angesicht:
"Ich tue das nicht!"
Wie
schaut der Sohn den Vater an? - Wie der Vater den Sohn?
- Wie die Frau den Mann? Wie der Mann die Frau? - Wie schauen sie Gott
an?
Und wie schaut Gott - wenn es ihn gibt - sie an?
Sühne
als Ersatz für Beziehung
Durch
die Sühne vermeiden wir, uns der Beziehung zu stellen,
denn durch die Sühne behandeln wir Schuld wie eine Sache,
bei der man für den Schaden mit etwas, das einem selbst etwas kostet,
bezahlt.
Doch was kann solche Sühne bewirken,
wenn ich einem Menschen unrecht getan, ihn ins Unglück gebracht und
ihm an
Leib und Leben nicht zu ersetzenden Schaden zugefügt habe?
Mich durch Sühne entlasten, indem ich mir schade, kann ich doch nur,
wenn ich ihn aus dem Auge verliere. Denn wenn ich ihn im Auge behalte,
muss ich erkennen, dass ich durch Sühnen aufheben will, was notwendig
bleibt.
Auch bei der persönlich zu verantwortenden Schuld ist die Lösung,
die Sühne zu
ersetzen durch versöhnendes Tun. Dies geschieht dadurch, dass ich
der Person,
der ich unrecht getan oder Schlimmes abverlangt und zugefügt habe,
in die Augen schaue, dass zum Beispiel die Mutter ein abgetriebenes
oder verleugnetes oder verlassenes Kind anschaut als ihr Gegenüber
und ihm sagt: "Es tut mir leid" und
"Ich gebe dir jetzt einen Platz in meinem Herzen" und
" Ich mache es gut, so gut ich noch kann" und
"Du sollst Anteil haben am Guten,
das ich im Gedenken an dich und mit dir vor Augen vollbringe".
Dann wäre die Schuld nicht umsonst, denn das Gute, das die Mutter
- oder wer immer es ist - im Gedenken an dieses Kind und mit ihm vor Augen
vollbringt, geschieht ja mit dem Kind und durch das Kind.
Es nimmt daran teil und bleibt mit der Mutter und ihrem Tun
eine Zeitlang verbunden.
Aber die Schuld geht auf der Erde vorbei und sie muss vorbeigehen dürfen.
Nur vom Himmel gibt es eine ewige Schuld. Auf Erden ist sie vergänglich
und,
wie alles auf ihr, nach einiger Zeit auch vorbei.
Die
Liebe, die heilt
Heilung
und Rettung liegen bei solcher Verstrickung jenseits von
nur ärztlichem und therapeutischem Tun.
Sie verlangen einen religiösen Vollzug, eine Bekehrung
auf Grösseres hin, das über das magische Denken und Wünschen
hinausgeht und es entmachtet. Diese Grössere wäre - im Gegensatz
zur
trügerischen Verheissung des Himmels -
die Erde.
Wer die Erde bejaht, bejaht sowohl ihre Fülle als auch ihr Anfang
und Ende,
und das Leben. Manchmal kann der Arzt oder Helfer einen solchen Vollzug
vorbereiten und unterstützen. Der liegt aber nicht in seiner Macht
und folgt nicht, wie der Ursache die Wirkung, einer Methode.
Wenn er gelingt, verlangt er das Letzte und wird erfahren als Gnade.
Ehren
der Eltern ist Ehren der Erde
Wer
an den Himmel glaubt, der glaubt vielleicht, er könne sich mit Hilfe
des Himmels über die Erde und über die Eltern erheben. Ehren
der Eltern aber
ist Ehren der Erde. Die Eltern ehren heisst, sie nehmen und lieben,
so wie sie sind, und die Erde ehren heisst, sie nehmen und lieben,
so wie sie ist: mit Leben und Tod, Gesundheit und Krankheit,
mit Anfang und Ende.
Das
aber ist der eigentliche religiöse Vollzug, den man früher Hingabe
und Anbetung nannte. Wir erfahren ihn als äusserste Entäusserung,
die alles gibt und alles nimmt und alles nimmt und alles gibt
- mit Liebe.

Liebe Mama, ich danke Dir für alles,
was ich von Dir bekommen habe.
Es war reichlich. und ich nehme es von dir,
wie du es von deiner Mutter genommen hast,
mit allem, was dazugehört, liebe Mamma.
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